Blaue Stein
Auf halber Höhe erreicht die St. Martinstrasse einen kleinen Platz beim “Blauen Stein“ oder “Häle Stein“. An dem schon 1451 als “helenstein“ bezeichneten Findling erkennt man neben der Jahreszahl
der Schlacht vom Mannenmitwoch (1388) noch einen kleinen Kries mit Mittelpunkt (Sonnenrad?) und eine Napfförmige Vertiefung, vielleicht herrührend von prähistorischen Kulten. Der Platz beim
“Blauen Stein“ diente während Jahrhunderten als “Gerichtsbank“. Dort trafen sich die Burger zu ihren Versammlungen und zwar nach “uralter Tradition“ am Mittag beim 12. Glockenschlag.
Die Jahreszahl 1388 wurde 1938 anlässlich der 650 Jahrfeier der Schlacht am “Mannenmitwoch“ eingemeisselt. Über die am 21. Dezember 1388 gegen Rudolf von Greyerz von Savoyen gefochte Schlacht
berichten die Sagen folgendes:
Graf Arnadeus von Savoyen kam mit vielem Kriegsvolk das Land herauf bis vor Visp. Er verlangte, man solle sich ergeben, ihm in die Burgschaft Einlass gewähren und Gehorsam schwören, ansonsten
würde er alles verbrennen und niedermachen. Die guten Leute begehrten in der Angst drei Tage Bedenkzeit, nicht als wollten sie sich freiwillig übergeben, sondern um Zeit zu gewinnen. Die Savoyer
gaben ihnen die verlangte Bedenkzeit, machten Quartier an der Vispe und warteten auf die Antwort. Die Visper sandten eilig um Hilfe ins Tal hinein und nach Goms und Brig und verhielten sich sonst
mäuschenstill, damit die Feinde nichts merkten. In der dritten Nacht wurde Wasser in die Burgschaft geleitet, das in der grossen Winterkälte zu Eis gefror und Wege und Stege ungangbar machte. In
den Werkstätten und in mancher Küche schmiedete man emsig spitze Fusseisen und Schuhnägel, um auf dem Eise sichern Stand zu bekommen. Man bereitete grosse Holzklötze und mit Steinen schwer
beladene Wagen, an die man noch schneidende Instrumente befestigte, um sie über das Eis in die feindlichen Scharen hinabrollen zu lassen. Als der dritte Tag anbrach, war alles schlagfertig. Da
wolle man, wie versprochen, den feindlichen Offizieren, die wegen der fürchterlichen Kälte in einem Stadel logierten, die Antwort überbringen. Die Walliser legten Feuer an den Stadel, und die
Flammen stiegen hoch auf. Noch zu den Dachlatten heraus schrien die Offiziere um Gnade, aber es ward keine gegeben. Unterdessen griffen auch die übrigen, wohlgerüsteten Krieger, auf dem Eise
sicher einherschreitend, das feindliche Kriegsbeer an und trieben auf dem glatten Boden grosse Holzstämme und schwer beladene, mit schneidenden Instrumenten versehene Wagen in die Reihen der
Feinde hinein. Auf dem schlüpfrigen Boden hatten die Savoyer keinen Stand und stürzten zu Boden. Zum Andenken an diese Schlacht setzte man im Zenden Visp den Mittwoch vor Weihnachten als Festtag
ein, «Mannenmittwoch» genannt.
Diesem fur die Walliser Geschichte bedeutsamen Sieg wird noch heute alljährlich gedenkt.
Im Bild: Was den Jurassiern mit der Entführung des Unspunnensteins gelang, konnte in Visp nur knapp verhindert werden: Eine savoyardische Delegation aus Sallanches unter der Führung von Maitre
Falletti (rechts) versuchte 1988 den Stein zu entführen und sich für die Niederlage vor 600 Jahren zu rächen.



