Das Haus des Landeshauptmanns Simon In-Albon

 

Im Jahr 1518 zerstörte ein schwerer Brand den Kern der alten Visper Burgschaft. Wie andernorts sollte diese Katastrophe auch hier ihre Vorteile bringen, wurde doch durch die Zerstörung der überalterten Bausubstanz Platz für gediegene Bürgerhäuser geschaffen. Nach dem Brand schenkte die Burgerschaft dem verdienten Visper Landeshauptmann Simon In-Albon am Gräfibiel einen wertvollen Bauplatz. Den nicht überbauten Boden gab Simon In-Albon 1533 der Burgerschaft zurück. Damit standen 1550 ein geeigneter Platz für die Landesschiessen und 1664 Terrain für das neue Schützenhaus zur Verfügung.

 

Das Haus von Simon In-Albon aus dem Jahr 1518 beherrscht zwischen dem Schützenhaus und der Dreikönigskirche den Aufstieg zum Gräfibiel. Ins Auge stechen die markanten Zinnen und die rot-weiss gestreiften Fensterläden. Gefällig sind auch hier die Tuffstein-Einfassungen des Bogenportals und der kleinen Fenster. Über dem Bogen trägt das Wappenschild einen stehenden Löwen. Nach der Schlacht von Ulrichen im Jahr 1419 wurde der Fähnrich Walter In-Albon für seine Tapferkeit ausgezeichnet. Dabei erhielt er das Recht, einen der beiden stehenden Löwen des Visper Wappens in sein Familienwappen aufzunehmen.

 

Vermutlich zerstörte der Brand im Jahr 1518 auch das Schloss der Grafen di Biandrate. Es soll auf der linken Seite der Gräfibielgasse gegenüber dem In-Albon-Haus gestanden haben.

 

An dieser Stelle werfen wir kurz einen Blick auf die Frühgeschichte.

 

Seit dem 4. Jahrhundert vor Christus besiedelten keltische Stämme das Wallis, im Oberwallis waren es die Uberer. Zur Zeit Christi unterwarfen die Römer diese Völker, wobei die keltische Basis im Oberwallis weitgehend erhalten blieb. Im Wallis lösten die Burgunder im Jahr 515 die römische Vorherrschaft ab. Im 8. und 9. Jahrhundert strömten die Alemannen von Norden her über die Grimsel und über den Lötschenpass und drängten das keltische Element ins Unterwallis.

 

Ob Überbevölkerung oder Familienbeziehungen des Adels den Ausschlag gaben, bleibe hier offen. Auf jeden Fall wanderten Teile der alemannischen Bevölkerung im 12. bis 14. über die Alpenpässe weiter und besetzten dünnbesiedelte Hochtäler der Alpen.

 

Diese Auswanderer nahmen aus ihrer Heimat Bauart, Brauchtum, rechtliche Grundformen und Sprache mit. Sie wurden Walser genannt und liessen sich in den oberitalienischen Tälern von Formazza, Macugnaga und Sesia nieder, dann im Tessin, in Graubünden und in Lichtenstein. Im Vorarlberg kamen sie bis an die Grenze von Bayern. Ein dichtes Wegnetz sicherte die Verbindung zwischen diesen weit zerstreuten Walsersiedlungen und dem Wallis.

 

Nach der Übernahme des Fürstbistums im Jahr 999 bedrängten die Savoyer im Südwesten und die Zähringer im Norden das bischöfliche Hoheitsgebiet. In den Machtkämpfen des 12. und 13. Jahrhunderts stand der lokale Adel zeitweise auf der Seite der Fürstbischöfe, zeitweise auf der Gegenseite. In diesem Machtkampf suchten die Bischöfe von Sitten Hilfe bei lombardischen Adeligen, die nach der Schlacht von Legnano im Jahr 1176 Zuflucht in den Alpentälern gesucht hatten. Durch den Ruf des Bischofs fanden Zweige der Adelsfamilien de Castello und di Biandrate den Weg ins Wallis, wo sie die erblichen Ämter des Viztums und des Meiers erhielten.

 

In Visp gaben im frühen 13. Jahrhundert die Herren de Vespia den Ton an. Sie hatten ihren Wohnsitz in der Hübschburg südlich des heutigen Friedhofs. Zuerst löste die Adelsfamilie de Castello die lokalen Herren de Vespia ab. Peter de Castello erhielt das erbliche Amt des Meiers. Durch die Heirat von Gottfried di Biandrate mit Aldisia de Castello, der Tochter Peters, ging das Meieramt auf die Biandrate über. Beim Tod Gottfrieds im Jahr 1270 waren die Söhne noch zu jung, um öffentliche Ämter zu übernehmen. Bis zu ihrem Heranwachsen erhielt ihre Mutter Aldisia di Biandrate das Amt der Majorissa von Visp. Später erbte ihr Sohn Jocelin II. die Besitzungen, welche sich vom Monte Moro und St. Theodul in den Vispertälern bis zur Furka ins Goms erstreckten. Zudem verfügte er über Besitzungen der Biandrate in den norditalienischen Alpentälern. Durch den Austausch von Familien in seinem Machtbereich war Graf Jocelin an der Walserwanderung beteiligt.

 

Wie eine Sage berichtet, hatten in der Region Visp all jene, für die das Glöcklein auf dem Turm des Schlosses hörbar war, den Biandrate jährlich eine Abgabe zu entrichten. Um dieser Verpflichtung zu entgehen, sollen die Bewohner von Eggen, einem Weiler bei Eggerberg, sich ihre Häuser hinter einer Felswand am Eingang des Baltschiedertals gebaut haben.

 

Die Herrschaft der Biandrate endete abrupt im Jahr 1365. In der vierten Generation bekleidete wiederum eine Frau, die Gräfin Isabella, das Amt einer Majorissa. In einer düsteren Novembernacht wurde sie zusammen mit ihrem Sohn auf der Brücke nach Naters erschlagen und in den Rotten geworfen. Ob die Mörder vom politisch denkenden Bischof, von feindlich gesinntem Adel oder von den Landsleuten gedungen waren, lässt die Geschichte offen. Das begehrte erbliche Amt der bischöflichen Meier ging in bürgerliche Hände über.

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